Geschätzte Schätze

Ein Auktionshaus in Wil SG versteigert seit 50 Jahren erfolgreich Wertvolles. Zu Besuch in der diskreten Glitzerwelt, in der Diamanten und die teuersten Schweizer Briefmarken gehandelt werden.

Unscheinbar ist er nicht, dafür ist das Rot zu auffallend, eher schäbig. Wobei es wohl mehr am Ambiente liegt, das den stinknormalen roten Ordner erblassen lässt: Ein gigantischer Leuchter erhellt den beinahe ganz in Weiss gehaltenen Raum und kontrastiert die autobahnnahe Vorort-Tristesse vor den Fenstern. Auf Staffeleien steht gerahmte Kunst, in Vitrinen glitzern Steine an Ringen, daneben glänzen polierte Uhren. Der Raum versprüht ein Flair, das dem Geschmack derjenigen entspricht, die sich für Gemälde und glänzende Gegenstände interessieren – und sie sich vor allem leisten können. In einer Ecke des Raumes stehen vier makellos weisse Ledersofas. Auf einem davon sitzt Peter Weibel (81) und kramt ebendiesen roten Ordner aus seiner Kunststoff-Aktentasche. Es sei Zeit loszulassen, meint der Rentner, solle sich doch ein anderer daran erfreuen.

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Ein Diamantring wird auf Echtheit geprüft. Waserwohl wert ist?

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Eine Lupe vergrössert Peter Weibels «BaslerDybli», die erste zweifarbige Briefmarke der Welt.

 

Mehr als einfach nur E-Bay
Im Auktionshaus Rapp in Wil findet an diesem Donnerstag ein Expertentag statt. Wer etwas Wertvolles verkaufen will, legt es den Expert:innen zur Schätzung vor: Uhren, Schmuck, Münzen und Briefmarken. Am 8. Juni stehe die nächste Auktion an, sagt Marianne Rapp Ohmann (48), Inhaberin und Geschäftsführerin des Hauses. Das Auktionshaus ist international tätig, rund 80 Prozent der Verkäufe gehen ins Ausland. «Klar, E-Bay hat das Prinzip der Auktionen bekannt gemacht, aber was wir tun, geht weit darüber hinaus.» Ihre eigentliche Arbeit liege darin, ein exklusives Angebot zu kuratieren und eine gute Kundenbeziehung zu schaffen. Peter Weibel setzt sich mit seinem roten Ordner gegenüber von Peter Rapp (79) an einen Tisch. Der Gründer des Familienunternehmens hat die Leitung zwar längst an seine Tochter Marianne übergeben, in Sachen Briefmarken ist er jedoch noch immer die unangefochtene Nummer eins. Und genau dafür ist Weibel heute hier. Fein säuberlich hat er seine wertvollsten Marken in den Ordner einsortiert: jeweils links ein Attest, das die Echtheit bestätigt, und rechts die Briefmarke. 

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Briefmarken-sammler PeterWeibel verwahrt seinen Schatz in einem roten Ordner.

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Eine Lupe vergrössert PeterWeibels «BaslerDybli», die erste zweifarbige Briefmarke der Welt.

Kantönligeist
Die Sammlung enthält Raritäten aus einer kurzen Zeitspanne der 1840er- Jahre. Damals gaben die Städte Genf, Basel und Zürich Marken heraus, die lediglich auf dem Stadt- oder Kantonsgebiet gültig waren. So frankierte man einen Brief fürs Stadtgebiet mit der «Züri-vier», oder mit der «Züri-sechs» für den Kanton. Im roten Ordner sind vier Stück der «Züri-sechs», aber auch die Doppelgenf, die potenziell wertvollste Marke. Ein perfektes Exemplar der Doppelgenf bringt gut 20 000 Franken, diejenige von Weibel wohl etwa 4000. Denn bei Weibel ist eine Hälfte der Doppelmarke beschädigt und auch die Ränder sind nicht perfekt geschnitten. Im kleinen Roten steckt aber noch eine weitere Rarität: die Basler Taube. Das «Dybli» ist die weltweit erste mehrfarbig gedruckte Briefmarke. Für Briefmarkenverrückte ist das eine eindrückliche Sammlung, und nun wird Tacheles geredet: Peter Rapp schätzt den Wert der gesamten Sammlung auf maximal 23 000 Franken, das sind 2000 weniger, als sich Peter Weibel erhofft hatte. Aber Weibel ist sich sicher: «Der Rapp schätzt immer etwas konservativ, da springt dann schon noch mehr heraus.»

Geschäftsführerin Marianne Rapp Ohmann mit Vater und Gründer Peter Rapp.

Geschäftsführerin Marianne Rapp Ohmann mit Vater und Gründer Peter Rapp.

Diskretion über alles
Neben dem Briefmarkensammler Weibel ist auch Monica Epper (65) zum Schätzungstermin gekommen. Als Markenbotschafterin des Auktionshauses vertritt sie Kund:innen, die nicht selbst auftreten wollen. Aus kleinen Lederetuis kramt sie erst ein Collier aus Roségold, eine mit Steinen verzierte Rolex und zuletzt einen Ring mit einem grossen einzelnen Diamanten, einem sogenannten Solitär. Die Stücke sind kaum getragen und werden bei der Begutachtung für besonders wertvoll befunden. Epper ist zufrieden: Der Ring bringe rund 15 000, das Collier 3000 bis 5000, die Rolex bis zu 10 000 Franken. Zu gern wüsste man, wieso die Stücke kaum getragen wurden. Man fragt sich, wer die Menschen hinter den Gegenständen sind und warum sie ihrer Juwelen überdrüssig sind. Doch die Diskretion ist keine gute Geschichtenerzählerin. Wohl aber einer der Gründe für den Erfolg: «In unserem Geschäft geht es um Vertrauen und da sind Fingerspitzengefühl und Diskretion zentral,» sagt Marianne Rapp Ohmann. In einer Broschüre werden die grössten Auktionserfolge des Hauses aufgeführt. Für eine perfekte «Basler Taube» auf einem Brief wurden einst über 100 000 Franken erzielt. Aber wer kauft so etwas? «Briefmarkensammeln ist längst kein Breitensport mehr und es kommen kaum Junge nach», sagt Peter Weibel. «Nur für die ganz Seltenen, wie meine, gibts noch immer einen guten Markt.» Das bringt die helle Glitzerwelt gut auf den Punkt: Solange Menschen bereit sind, für Edelsteine, Luxusuhren und Briefmarken aus dem 19. Jahrhundert viel Geld zu bezahlen, kommen diese im Auktionshaus unter den Hammer. Wie viel die Briefmarken tatsächlich einbringen, zeigt sich bei der Auktion im Herbst. Getrennt hat sich Weibel nur von einem Teil seiner Sammlung – die Leidenschaft lebt weiter. Ob er aber bald wieder mit einem roten Ordner in Wil vorstellig werden wird, das verrät auch er nicht.  

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